Inh. Nicole Minke
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Kastration

Für & Wider – Kastration oder Sterilisation

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Es gibt viele Gründe, die sowohl gegen als auch für eine Kastration oder Sterilisation bei Hunden sprechen. In Internetforen wird heiß diskutiert, wann, warum und ob eine solche Behandlung durchgeführt werden sollte oder kann. Auf jeden Fall sollte vor einem Eingriff ein ausführliches Informationsgespräch mit dem “Haustierarzt” geführt werden, denn es ist ein Eingriff, der sich nicht rückgängig machen lässt und – wie es die Autorin beschreibt – auch mit Risiken verbunden ist.

Ganz neu auf dem “Markt” ist jetzt die Chemische Kastration. Dem Rüden wird ein Chip mit Hormonen gespritzt, der sich nach 2-4 Wochen auflöst und die Hormone des Rüden (Testosteron) unterdrückt. Der Rüde riecht und verhält sich dann auch wie ein kastrierter Rüde. Das ganze hält zwischen 4- 6 Monaten und soll eine Entscheidungshilfe sein. Das Verhalten des Rüden in dieser Zeit kann man dann 1 zu 1 auf das Verhalten nach einer wirklichen Kastration übertragen.

Für Hündinnen ist dieser Chip gerade noch in der Zulassung! Ich persönlich kann nur jedem raten, vorab eine chemische Kastration zu machen, um das Verhalten zu sehen. Denn viele Probleme wo man denkt, dass es mit einer Kastration vorbei ist, sind nämlich immer noch da.

Fragen Sie Ihren Tierarzt um Rat bzgl. der Chemischen Kastration am Hund.

ZUERST ZUR BEGRIFFSBESTIMMUNG:

Die Kastration: Bei einer Kastration werden die Keimdrüsen operativ entfernt, beim männlichen

Tier die Hoden, beim weiblichen die Eierstöcke. Durch diesen Eingriff wird die Produktion von Geschlechtshormonen verhindert und damit das Sexualverhalten komplett unterbunden.

Die Sterilisation: Im Gegensatz zur Kastration werden bei der Sterilisation die Keimdrüsen belassen und nur die Keimwege unterbunden, beim männlichen Tier die Samenleiter, beim weiblichen die Eileiter. Die Produktion von Geschlechtshormonen und damit das Sexualverhalten bleibt in vollem Umfang erhalten.

GESETZLICHEGRUNDLAGEN UND EINSCHRÄNKUNGEN

Nach § 6 Tierschutzgesetz fällt die Kastration von Hunden (männlichen und weiblichen) ebenso wie das Kupieren von Ohren und Ruten sowie das Entfernen der Wolfskrallen unter das Amputationsverbot und darf nur beim Vorliegen von medizinischen Gründen vorgenommen werden. Der Wunsch des Tierbesitzers ist dafür nicht ausreichend und eine nur aus Bequemlichkeit vorgenommene Kastration damit illegal!

WELCHE GRÜNDE GIBT ES FÜR EINE KASTRATION?

Beim Rüden:

  • unerwünschtes oder übersteigertes Sexualverhalten
  • sexualhormonbedingte Aggressivität (bei allen anders bedingten Formen von Aggressivität kann eine Kastration keinen Erfolg bringen!)
  • Prostataerkrankungen
  • Hodentumoren

Bei der Hündin:

  • Verhinderung von Läufigkeit und Trächtigkeit
  • hochgradige Scheinträchtigkeiten
  • Zyklusstörungen mit Hautveränderungen
  • bei zyklusabhängigen Gesäugetumoren

AB WELCHEM ALTER KANN EIN HUND KASTRIERT WERDEN?

Auf diese Frage gibt es eine Vielzahl von Antworten, die alle in irgendeiner Form eine Berechtigung haben, so dass der richtige Termin im Einzelfall ermittelt werden muss:

Geschlechtshormone werden im Wachstum und bei der Ausreifung von Körper und Psyche benötigt. Daher erscheint es sinnvoll, diese Hormone zu belassen, bis die Tiere ausgereift, d. h. erwachsen sind. Die soziale Reife erreichen die Tiere mit etwa 1,5 Jahren. Der Besitzer merkt dies daran, dass die Hunde beginnen, ihre Stellung in der Rangordnung in Frage zu stellen oder dass sie anfangen, ihre Aufgaben als Wachhund zu erfüllen. Die körperliche Ausreifung ist noch später abgeschlossen: Bei Hunden kleiner Rassen geht man von einem Alter von etwa 2 Jahren aus, bei großen von 3 Jahren und mehr.

Eine Kastration einer Hündin vor der 1. Läufigkeit senkt die Häufigkeit des Auftretens von Gesäuge

tumoren im Alter. Das stimmt, aber wenn man weiß, dass das tatsächliche Risiko einer solchen Tumorentwicklung bei etwa 2% der Hündinnen liegt und diese Tumoren überwiegend im fortgeschrittenen Lebensalter auftreten, dann relativiert sich diese Aussage. Außerdem ist nach neuesten Forschungsergebnissen das Körpergewicht der Tiere im ersten Lebensjahr von weit größerer Bedeutung: Bei Übergewicht in diesem Lebensabschnitt steigt die Wahrscheinlichkeit, an Gesäugetumoren zu erkranken, erheblich!

Eine kastrierte Hündin lockt keine Rüden mehr an und blutet nicht mehr, ein kastrierter Rüde läuft nicht mehr weg oder heult die ganze Nachbarschaft zusammen. Dieser Grund sollte hinter gesundheitlich

en Aspekten zurückstehen und ist eigentlich nur von Bedeutung, wenn mehrere Hunde unterschiedlichen Geschlechts in einem Haushalt leben.

WIE WIRD DIE KASTRATION BEIM HUND DURCHGEFÜHRT?

Bei beiden Geschlechtern erfolgt eine Operation unter Vollnarkose und unter sterilen Bedingungen.

Beim Rüden wird vor dem Hodensack die Haut eröffnet und beide Hoden durch diesen Schnitt entf

ernt. Wichtig ist Leinenzwang bis zur Entfernung der Fäden, da sich das OP-Gebiet zwischen den Hinterschenkeln befindet und damit bei jedem Schritt belastet wird. Eine gewisse Schwellung in diesem Bereich ist normal, durch zu viel Bewegung kann es aber zu erheblichen Schwellungen und Schmerzen kommen.

Bei der Hündin werden durch einen Bauchschnitt beide Eierstöcke entfernt. Auch hier ist bis zum Ziehen der Wundfäden eine Schonung des Tieres erforderlich.

WELCHE NEBENWIRKUNGEN ODER SPÄTFOLGEN KÖNNEN AUFTRETEN?

Da es sich bei Kastration oder Sterilisation um eine Operation unter Vollnarkose handelt, muss man in jedem Fall mit Narkosezwischenfällen rechnen. Durch moderne Narkosen und gute Überwachung während des Eingriffs kann man diese Gefahr zwar mindern, aber niemals ganz ausschließen. Wie bei jeder anderen Operation ist auch bei einer Kastration die Möglichkeit von Nachblutungen gegeben, diese kommen aber nur sehr selten vor. Beim Rüden ist eine mittelgradige Wundschwellung normal, aber solange kein Fieber auftritt und der Hund sich normal bewegt, ist keine weitere Behandlung erforderlich.

ALS SPÄTFOLGEN KÖNNEN AUFTRETEN:

Beim Rüden:

  • Gewichtszunahme durch ruhigeres Verhalten: Dies ist in den Griff zu bekommen durch eine geringere Fütterung und mehr Bewegung
  • Trägheit: Hier hilft nur Animieren zu mehr Bewegung und Spiel. Wenn kein Erfolg zu verzeichnen ist, sollte die Funktion der Schilddrüse überprüft werden.

Bei der Hündin:

  • Gewichtszunahme und Trägheit: siehe Erläuterungen beim Rüden
  • gesteigerte Aggressivität und Ängstlichkeit: Es kann sehr selten vorkommen, etwa bei einer von 1000 Hündinnen, dass nach der Kastration eine erhöhte Aggressivität auffällt. Dies kommt vor bei Hündinnen, die schon vor der Kastration zu aggressivem Verhalten neigen. Bei diesen Tieren sollte man vorher überlegen, ob eine Kastration anzuraten ist. Bei frühkastrierten Hündinnen muss man außerdem mit einer Steigerung des Angstverhaltens rechnen. Diese kann sich in gesteigerter Trennungsangst oder verstärktem Fluchtverhalten äußern.
  • Harninkontinenz: Durch den Östrogenmangel kommt es bei etwa einem Drittel der Hündinnen in späteren Lebensjahren zu einer Inkontinenz. Es scheint so, dass die Inkontinenz nach Kastration vor der Pubertät seltener auftritt als nach Kastration nach der Pubertät. Allerdings tritt sie nach Frühkastration sehr viel heftiger auf als nach später erfolgtem Eingriff und ist auch schwerer zu behandeln. Die Behandlung erfolgt in der Regel medikamentös.

Im Jahr 2002 wurde von einer Kollegin aus Bielefeld (Dr. Gabriele Niepel) eine Studie durchgeführt, die sich mit gesundheitlichen und verhaltensbedingten Folgen der Kastration beim Hund beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Studie liegen jetzt vor. Im Rahmen der Studie wurden die Eigentümer von etwa 1000 Hunden jeden Alters, vieler Rassen und beiderlei Geschlechts mittels eines Fragebogens nach körperlichen und psychischen Folgen der vorausgegangenen Kastration ihres Tieres befragt.

Durch diese Art der Befragung sind die Ergebnisse sicherlich nicht objektiv und stellen daher auch nicht die alleinseligmachende Wahrheit dar, aber sie zeigen doch Trends und Wahrscheinlichkeiten auf.

DIE ERGEBNISSE IM EINZELNEN:

Veränderungen bei Hündinnen:

1. gesundheitliche:

  • Fellveränderungen: 49%
  • Gewichtszunahme: 44%
  • vermehrter Hunger: 40%
  • Hamtröpfeln: 28%

 

2. Verhaltensänderungen:

  • größere Ausgeglichenheit: 51%
  • aktiveres Verhalten: 22%
  • lethargisches Verhalten: 15%
  • geringere Aggressivität gegen andere Hündinnen: 12%
  • erhöhte Aggressivität gegen andere Hündinnen: 9%
  • erhöhte Aggressivität gegen andere Hunde allgemein: 11%

Veränderungen bei Rüden:

1. gesundheitliche:

  • Gewichtszunahme: 47%
  • vermehrter Hunger: 46%
  • Verschwinden von Vorhautentzündungen: 45%
  • Fellveränderungen: 32%
  • Harnträufeln: 9%

2. Verhaltensänderungen:

  • ausgeglicheneres Verhalten: 63%
  • verbesserter Gehorsam: 34%
  • verminderte Aggressivität gegen andere Rüden: 34%
  • Besteigungsversuche durch andere Rüden: 19%
  • lethargisches Verhalten: 13%
  • Unsicherheit im Umgang mit anderen Hunden: 7%
  • verminderte Aggressivität gegenüber der Familie: 7%
  • verminderte Aggressivität gegenüber Fremden: 2%

Zumindest bei Rüden scheinen die Veränderungen im Aggressionsverhalten eine deutliche Altersabhängigkeit zu besitzen:

Tiere, die sehr früh kastriert wurden, im Alter von unter 6 Monaten, aber auch Tiere, die bei der Kastration zwischen 6 und 12 Monate alt waren, zeigen mit größerer Wahrscheinlichkeit erhöhtes Aggressionsverhalten gegenüber anderen Hunden beiderlei Geschlechts oder fallen durch verminderte Ausgeglichenheit auf.

Daraus lässt sich folgern, dass man Rüden möglichst nicht vor der Vollendung des ersten Lebensjahres kastrieren sollte. 3% der Hunde beiderlei Geschlechts zeigen nach der Kastration eine verlängerte Wachstumsperiode, allerdings 35% der Tiere, die zum Zeitpunkt der Kastration unter 6 Monate alt waren. Daher erscheint es nicht sinnvoll, bei Hunden zur Frühkastration zu raten.

 

Und noch einmal mit besonderer Betonung:

Auch in dieser Studie zeigt sich wieder, dass nur sexuell bedingte Aggressivität durch eine Kastration beeinflusst werden kann, nicht aber Aggressivität, die durch Beutefang-, Revier- oder Dominanzverhalten ausgelöst wird.